Ruanda ist das „Land der tausend Hügel“. Eine idyllische grüne Landschaft mit fruchtbarem Boden, überall wird Landwirtschaft betrieben. Und überall sind Menschen. Haus reiht sich an Haus. Kein Flecken scheint unbewohnt. Groß und Klein winken uns frenetisch zu, man freue sich riesig Ausländer zu begrüßen, wird uns erklärt.

Es ist wieder einmal ein Aha-Erlebnis. Darüber, welchen enormen Unterschied Grenzen machen können. Während sich die vergleichsweise wenigen Menschen, denen wir auf den staubigen Pisten entlang des Tanganyika-Sees und der burundischen Grenze begegnen, wenig beeindruckt von uns Muzungus zeigen und auch auf aktives Grüßen nur zurückhaltend reagieren, genießen wir über der Grenze fast übertriebene Aufmerksamkeit. Auch die Infrastruktur ist völlig anders – perfekte Asphaltstraßen, moderne Häuser und die Verkehrsteilnehmer sind im Gegensatz zu Tansania nicht im Selbstmordmodus unterwegs.

Dafür ist die enorme Bevölkerungsdichte „etwas“ hinderlich bei unserer Suche nach einem geeigneten Buschcamp. Was in Tansania ein Kinderspiel war, ist hier ein Ding der Unmöglichkeit – nirgends lässt sich ein Fleckchen für ABU finden. Also Plan B: wir wollen einem Schild zu einem „richtigen“ Campingplatz folgen. Doch der nach langer Suche entdeckte Zufahrtsweg ist völlig zugewachsen, das einzige Camp in der Gegend offenbar nicht mehr existent.

Bleibt nur das Unvermeidliche – wir steuern die riesige Baugrube in der Nähe eines Dorfes an. Normalerweise sind das ja ideale Übernachtungsplätze – niemanden störend und von niemandem gestört haben wir in verlassenen Baugruben bereits unzählige Nächte herrlich campiert.

Diesmal aber entdeckt uns die Meute bereits bei der Einfahrt. Wir haben noch kaum den Motor abgestellt, da versammeln sich bereits um die zwanzig Kinder und Jugendliche um uns und umringen uns in einem immer enger werdenden Kreis. Das Spektakel beginnt. Und immer noch mehr Zuseher eilen herbei. Ja, sogar über Handy wird die Eilmeldung durchgegeben, dass sich Weiße im Dorf eingefunden haben 😉

Wir erklären also erst mal woher wir kommen und was wir hier so machen, dass Österreich nix mit Australien zu tun hat und nein, auch nicht bis vor kurzem mit dem Känguruland vereint war und leisten Aufklärungsarbeit darüber, dass nördlich von Afrika ein Kontinent namens Europa liegt und nicht, wie von so manchem hier vermutet die USA.

Dann kommen wir ins Gespräch mit einigen Jugendlichen, die sich als Studenten outen. Die Konversation gestaltet sich sprachtechnisch leider als sehr mühsam. Der aus Uganda stammende Präsident Ruandas hat 2009/2010 das französischsprachige Ruanda aus politischen Gründen auf die englische Sprache „umgestellt“. Derzeit aber beherrscht die junge Bevölkerung Englisch noch nicht wirklich konversationsfähig und der Französischunterricht wurde frühzeitig abgebrochen. Wir dagegen haben keinen Tau vom lokalen Kinyarwanda.

Obwohl wir also nicht wirklich zum Reden kommen reißt der Rummel um uns nicht und nicht ab, im Gegenteil. Bis in die tiefe Nacht hinein werden wir „belagert“ und auf Schritt und Tritt beobachtet. Sogar die Kleinsten verschieben bei all der Aufregung das eigentlich für acht Uhr angesetzte Schlafengehen.

Angesichts der hiesigen Dichte menschlichen Zusammenlebens ist es unvorstellbar, was sich vor etwas mehr als zwanzig Jahren in Ruanda abgespielt hat. Ethnienhass aus dem Nichts heraus. In nur hundert Tagen wurden über eine Million (!!!) Tutsi und gemäßigte Hutu ermordet. Erschlagen mit Macheten, Steinen, was eben so bei der Hand war. Tutsi-Frauen wurden systematisch vergewaltigt und bewusst mit HIV infiziert. Nicht wenige heute 22-jährige müssen mit der Gewissheit leben, dass ihr biologischer Vater ein Massenmörder ist…

Mittlerweile hat das Land einen beispielhaften Versöhnungsprozess durchgemacht. Überall in Ruanda sind Gedenkstätten an den Genozid. Man spricht offen darüber und will, dass dies nicht mehr passieren kann. Die von der Kolonialmacht künstlich eingeführte Einteilung in Hutu und Tutsi wurde komplett abgeschafft, alle sind nun Ruander. (Im Nachbarland Burundi, wo diese Einteilung noch immer existiert, sind dagegen aktuell wieder ethnische Konflikte ausgebrochen…)

Wir besuchen die Gedenkstätten in den Dörfern Nyamata und Ntarama, wo sich die flüchtenden Tutsi vor den Interharamwe Hutu-Milizen in Kirchen in Sicherheit wogen. Bis die Kirchen selbst zu einem Ort des Massenmordes wurden. In der Kirche von Nyamata wurden 10.000 Menschen niedergemetzelt, vor allem Frauen und Kinder, in Ntarama fanden 5.000 ihren Tod. Heute befinden sich an den beiden Orten Massengräber, sie sind Gedenkstätten und Mahnmal zugleich. Von den Gräueln des Jahres 1994 zeugen die hier aufbewahrten Kleidungsstücke der Opfer und die Einschusslöcher durch die Waffen ihrer Mörder.

In der Hauptstadt Kigali sind im Genozid-Museum Hintergrund, Ereignisse und Folgen des Völkermords von 1994 äußerst professionell und ergreifend aufbereitet. Auch hier befindet sich ein Massengrab von 250.000 in jenen Tagen ermordeten Menschen…

Es ist unmöglich, diesen Wahnsinn in Verbindung mit den herzlichen Menschen Ruandas zu bringen, denen wir auf unserer Route durch das Land so begegnen. Und man mag sich ja gar nicht im Ansatz vorstellen, was die tausend Hügel so alles gesehen haben in jenen hundert Tagen…  

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