Es ist faszinierend und bedrohlich zugleich. Man blickt in einen See aus Lava, die unmittelbar aus dem Innersten unserer Erde stammt. Die abgekühlte Lava bildet schwarze Schollen, die auf der roten Glut schwimmen. Wie ein riesiger Weltatlas, der sich jede Sekunde ändert. Die Luft ist voll von Schwefel. Endzeitstimmung. Von Zeit zu Zeit sieht man die Lavasuppe an einer Stelle besonders stark hochblubbern. Die Oberfläche hebt sich dann richtiggehend, in alle Richtungen spritzt die brennheiße Gischt. Was, wenn er nun ausbricht? Wir stehen hier jedenfalls ziemlich wehrlos an vorderster Front. Absolute Demut und Ehrfurcht vor der Natur.

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Er ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. Jener mit dem größten Lavasee. Und er ist gefährlich. Im Jahr 2002 hatte der Ausbruch des Nyiragongo-Vulkans die Millionen-Stadt Goma am Kivu-See erreicht und beinahe vollständig zerstört. Überall in Goma sehen wir noch die Überreste der Lava aus dieser Katastrophe.

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Nicht nur deshalb gilt Goma als eine der gefährdetsten Städte der Welt. Denn in dem idyllischen Kivu-See sind Unmengen an Methan und Kohlendioxid im Wasser gelöst. Erhöht sich die Konzentration des Gases, so würde dieses an die Oberfläche steigen und alles Leben ringsum ersticken. Aber auch eine Eruption des Nyiragongo könnte eine solche Gas-Katastrophe auslösen.

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Der Nyiragongo-Vulkan ist einer der wohl faszinierendsten Orte Afrikas, gleichzeitig einer der unerforschtesten. Und daher musste es einfach sein – wir sind zurückgekehrt in die DR Kongo. Diesmal in den Osten des riesigen Landes, Schauplatz des „ersten afrikanischen Weltkrieges“, (ein Stellvertreterkrieg verschiedenster Mächte um Einfluss in der Region mit mehr als 5,4 Millionen Opfern), größtes UNO-Einsatzgebiet, ständiger Unruheherd und mit unglaublichen Naturwundern und Bodenschätzen gesegnet (oder leider besser gesagt verflucht).

Der Nyiragongo war lange Rückzugsgebiet der gefürchteten Maji-Maji Rebellen und bis Ende 2014 für Touristen komplett gesperrt. Derzeit aber ist die Lage im Süden des Virunga-Nationalparks ruhig und so haben wir uns nach eingehender Recherche der Sicherheitslage kurzfristig zu einem Kurztrip über die Grenze entschlossen. Für das Visum gibt es in diesem Teil des Kongo praktischerweise Erleichterungen. Anders als das reguläre Visum für unsere erste Querung des Kongo, das wir mühsam und mit viel Zeit- und Nervenaufwand von der kongolesischen Botschaft in Berlin besorgen mussten, können wir hier mit der Bestätigung des Nationalparks den Visumsstempel direkt und rasch an der Grenze bekommen.

Dort werden wir auch gleich von einem Mitarbeiter des wirklich bestens organisierten Virunga-Nationalparks (für uns der mit Abstand professionellste Nationalpark, den wir in ganz Afrika erlebt haben!) abgeholt und an den Fuße des Nyiragongo gefahren, wo wir auf die übrigen Vulkan-Besteiger treffen – drei Touristen aus den USA und ein Pärchen aus Großbritannien, das für eine Woche Urlaub in der DR Kongo nach Afrika geflogen ist.

Der Aufstieg gestaltet sich als nicht allzu anstrengend. Durch Dschungelvegetation und auf Lavageröll erklimmen wir problemlos die 1500 Höhenmeter auf den Nyiragongo.

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Tolle Ausblicke haben wir auf den Krater, in dem sich 2002 die Lava gesammelt hat, bevor sie sich gegen Goma ergossen hat und auf die Vulkanlandschaft im Virunga-Nationalpark.

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Doch die absolute Wahnsinnssicht bietet sich, nachdem wir den Kraterrand erreicht haben. Ein Blick ins Innerste der Entstehungsgeschichte unserer Erde!

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Eingehüllt in unseren Schlafsäcken sitzen wir am Kraterrand und betrachten ehrfürchtig das Höllenfeuer. Denn es ist eiskalt auf dem 3500 Meter hohen Gipfel des Nyiragongo-Vulkans.

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Mit einsetzender Dunkelheit wird das Spektakel stetig nur noch faszinierender. Rot und Schwarz in allen Schattierungen, dazu weißer Rauch und das Grollen der Naturgewalt. Über uns die Sterne. Wir könnten ewig so sitzen und die gefährliche Suppe betrachten, die jede Sekunde einen neuen, faszinierenden Aspekt zeigt.

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Doch dann treibt uns die Kälte doch in unsere Hütte, deren vom Nationalpark 12 Stück am Kraterrand errichtet wurden. Jene, die sich den Luxus der super warmen Leihausrüstung der wirklich sehr schönen aber sauteuren Mikeno-Lodge leisten, erklären uns am nächsten Morgen wie unangenehm „warm“ es in ihrer Hütte war. Wir hingegen, mit unseren ausmusterungsreifen Notfall-Sommerschlafsäcken, die wir außer dem (auch eiskalten) Mount Cameroon auf dieser Reise nicht recht oft im Einsatz hatten, ziehen notgedrungen alle Kleidungsstücke an, die wir in diesem Jahr so mit uns führen: Skiunterwäsche, sämtliche Pullis, Regenjacke, Regenhose,… Und trotzdem wird es eine frische Nacht. Der super-warme Expeditionsschlafsack ist gut gelagert in Wien; im Auto war ja leider kein Platz mehr dafür 😉

Auch am nächsten Morgen lässt die Faszination der Elemente nicht nach; immer noch verändert der Lavasee ständig seine Erscheinung.

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Und nun eröffnet sich der Blick auf einige der übrigen Vulkane in der Region – Mikeno und Karisimbi.

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Nur mit Mühe können wir uns von dem mächtigen Naturwunder losreißen und den Abstieg antreten.

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Der Virunga-Nationalpark kann aber nicht nur mit einer faszinierenden Vulkanlandschaft aufwarten. Als ältester Nationalpark in ganz Afrika weist er eine ungeheure Biodiversität auf und beheimatet die weltweit letzten Populationen der äußerst bedrohten Berggorillas.

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Nach einer Übernachtung im unerwartet komfortablen Hotel Caritas am idyllischen Kivu-See und endlich wieder einigen Tembo-Bieren (wir bleiben dabei, DR Kongo hat das beste Bier in Afrika!) sind wir daher mit einem Fahrer des Nationalparks und zwei italienischen NGO-Mitarbeitern auf dem Weg zum Mikeno-Vulkan, wo wir uns auf die Spuren der sanften Riesen begeben wollen.

Beim Mikeno hatte die zweite große Primatenlady, Dian Fossey, in den 1960ern ihre Forschung über die Gorillas begonnen, bevor sie wegen eines Bürgerkrieges aus dem Land verwiesen wurde und ihre Arbeit über der Grenze in Ruanda fortsetzen musste. Es ist irgendwie etwas Besonderes, an diesem historischen Ort die von Fossey so geliebten Menschenaffen zu besuchen. Später werden wir uns den Film „Gorillas in the Mist“ ansehen und darüber schmunzeln, wie absolut wenig sich geändert hat seit den Tagen, in denen dieser Film spielt. Bis auf die neu hinzugekommenen Fred Feuerstein-Roller, die wir so nur in diesem Teil des Kongo und sonst absolut nirgends in Afrika sehen – eine absolut geile Erfindung!

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Am Fuße des Vulkans starten wir mit den beiden NGO-Italienern und einer älteren Dame, ebenfalls aus Italien, das Tracking. Das Terrain ist nicht schwierig, wir wandern entlang von Sorghum- und Mais-Feldern, die dank der vulkanischen Erde hier prächtig gedeihen, und immer wieder bieten sich tolle Ausblicke auf den Mikeno-Vulkan, dessen Gipfel noch nie bestiegen wurde.

Nach rund fünf Kilometern Wanderung am Fuße des Mikeno wird es ernst. Es geht nun rein in den undurchdringlichen Regenwald, wo uns die Ranger mit Macheten einen Pfad freihauen. Anders als in Uganda, wo wir vor einigen Jahren bereits die Berggorillas besucht hatten, müssen hier zur Vermeidung der Übertragung von Krankheitserregern auf die uns genetisch so ähnlichen Menschenaffen in deren Gegenwart Grippeschutzmasken getragen werden.

Mittlerweile ja schlau aus der Erfahrung in der Elfenbeinküste habe ich diesmal aber Kontaktlinsen eingesetzt und damit trotz Vermummungsgebot immer noch freie Sicht 😉

Und die zahlt sich jedenfalls aus! Wir besuchen eine 11-köpfige Gruppe und dürfen zwei Silverbacks, mehrere weibliche Tiere, ein Gorillababy, ein Kind und einen Teenager beobachten. Die Ranger agieren äußerst professionell, zeigen uns alle Mitglieder der Gruppe und geben uns mehr als ausreichend Zeit.

Die riesigen Silverbacks mit ihrem Gewicht von über 200 Kilo, sind enorm eindrucksvoll! Ansonsten haben die friedlichen Chefs der Gruppe aber so gar nichts mit dem Filmmonster King Kong gemeinsam 🙂

Angetan hat es mir aber vor allem das jüngste Mitglied der Gruppe, das aufgrund seines ständigen Bewegungsdrangs (ADHS? 😉 ) und des mäßigen Lichts im Regenwald fototechnisch eine besondere Herausforderung darstellt.

Es ist ein tief beeindruckendes Gefühl, diesen so menschlich wirkenden Lebewesen gegenüber zu stehen. Die Gorillas sind entspannt, beobachten uns aber aufmerksam. Was sie sich wohl denken, wenn sie einem so direkt in die Augen schauen?

Schließlich aber müssen wir Abschied nehmen von der Berggorilla-Familie am Fuße des Mikeno-Vulkans und wir kehren zurück nach Ruanda, wo wir unseren ABU wohlbehalten wiederfinden. Uns bleibt die Erinnerung an faszinierende und tief beeindruckende drei Tage am „Ende der Welt“!

Gerade weil für uns dieser Ausflug in den Virunga-Nationalpark unbestritten eines der absoluten Highlights unserer Reise um Afrika ist, macht es uns traurig, dass dieser so eindrucksvolle Nationalpark nach wie vor ein Spielball politischer und wirtschaftlicher Interessen bleibt.

Denn die kongolesischen Ranger, die wir als so unglaublich entspannt und immer für Späße aufgelegt erlebt haben, üben tatsächlich einen akut lebensgefährlichen Job aus.

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Nur etwa ein Zehntel des Nationalparks ist derzeit für Besucher zugänglich. Die Ranger aber patrollieren zum Schutz der einzigartigen Flora und Fauna auch in jenen übrigen Bereichen, wo Maji-Maji Rebellen, Schmuggler, Wilderer und skrupellose Geschäftemacher um die britische Ölfirma Soco International ihr Unwesen treiben. Und diese Aufgabe ist tödlich…

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153 Ranger, junge Männer und Frauen, oft die Cleversten und Engagiertesten ihres Jahrgangs, die ihr Leben noch vor sich hatten, sind im Virunga-Nationalpark in den letzten 15 Jahren in ihrer Tätigkeit bereits umgekommen. Fast jedes Monat ist ein Opfer unter den nicht mal 300 Rangern zu beklagen. Der sehenswerte Film „Virunga“ gibt einen Eindruck von dem Wahnsinn, der sich in dieser Region vor und hinter den Kulissen abspielt.

Allen, die planen nach Ostafrika zu reisen, können wir nur raten, sich die ergreifenden Naturerlebnisse im Virunga zu gönnen (nach entsprechendem Check der Sicherheitslage natürlich) und auf diese Weise auch den Nationalpark zu unterstützen. Denn Tourismus ist wohl die einzige Chance, diese einzigartige Region und ihre Bewohner vor der unwiederbringlichen Auslöschung zu bewahren.

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Infos unter https://virunga.org/

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